Publikationen Newsletter Registrieren Anmelden

HB Artikel 3 Serie 1 Usner2

Plötzlich Chef

Unerwartete Übergaben können für das Unternehmen existenzbedrohend sein. Und sie sind keineswegs selten. 

Manches passiert dann schnell – obwohl man es sich nie vorstellen konnte oder wollte, vielleicht hat man es sogar ganz einfach erfolgreich verdrängt. Und dann muss es allerdings schnell gehen … „Zwischen meinem Vater und mir war eine Übergabe des Familienunternehmens nie Thema“, erzählt Clemens Usner. Der Grund war kaum greifbar – es gab schlicht keine konkreten Pläne für die Zukunft. „Rückblickend sehe ich es so: Mein Vater hat gesehen, dass wir Kinder alle unsere eigenen Karrierewege eingeschlagen hatten und in unseren Jobs glücklich waren. Er wollte unserer persönlichen Zukunftsplanung nicht in die Speichen greifen.“

Eines Tages erkrankte Dr. Dieter Usner allerdings schwer. Clemens Usner, der zunächst nur in der Unternehmensleitung aushelfen wollte, war ein halbes Jahr später nach dem Tod seines Vaters plötzlich Chef. Für eine gründliche Übergabe oder Einarbeitung war kaum Zeit geblieben.

Krisensituation Übernahme
Plötzliche unvorbereitete Übernahmen sind keine Seltenheit. Eine Studie des Instituts für Mittelstandsforschung in Deutschland stellte bei einer Untersuchung von Betriebsübergaben erschreckende Zahlen fest: 26 Prozent aller Betriebsnachfolgen passieren aufgrund unerwarteter Ereignisse ohne jegliche Vorbereitung. Das hat dramatische Auswirkungen auf Gesundheit und Zukunft der Unternehmen: 10 Prozent der Insolvenzen sind auf schlechte Vorbereitung in der Übergabe zurückzuführen. Acht Prozent der von einer unerwarteten Nachfolge betroffenen Unternehmen überleben schon die erste Phase nicht.

Die zu regelnden Punkte sind vielfältig: Neben den großen Themen wie den Eigentumsverhältnissen und der Erbfolge betrifft das auch unscheinbare aber wichtige Details wie etwa Passwörter, Zugangsdaten zu wichtigen Datenbanken oder Softwareanwendungen und natürlich auch die Übersicht über Konten. In zwei Drittel der vom Institut für Mittelstandsforschung untersuchten Fälle hatten Unternehmer kein Testament hinterlassen.

Crashkurs im eigenen Unternehmen
„Für mich war es eine Riesenaufgabe. In einer ohnehin nicht leichten Zeit musste ich mich der Stimmung im Unternehmen mit sehr viel Augenmaß und Taktgefühl nähern“, erzählt Clemens Usner. „Eine solche Situation bringt naturgemäß immer Unruhe mit sich. Auf der einen Seite stehen Mitarbeiter, die die Angst vor großen Veränderungen bewegt. Auf der anderen Seite wollen sich auch Kunden, Partner und Lieferanten erst einmal ein Bild vom Nachfolger machen.“ Die Usner GmbH produziert Hilfsmittel für die Gießerei-Industrie und handelt mit anderen chemischen Spezialprodukten. Das ist eine wissensintensive Branche, die viel Know-how erfordert. Viel Fingerspitzengefühl ist auch in der Kommunikation mit den Zulieferern der Rohstoffe und Materialien gefragt: Immerhin tritt die Unternehmensleitung als ihr wichtigster Ansprechpartner beim Endkunden auf.

„Mein wichtigstes Ziel war es, das Unternehmen in seiner Rolle als Arbeitgeber abzusichern.“ Das bedeutete: Das Unternehmen sollte in jeder Phase funktionstüchtig weitergeführt werden. Die ersten konkreten Schritte: „Ich habe jeden Euro, der sich im Unternehmen rein und raus bewegt, analysiert. Vor allem wollte ich verstehen, welche Geschäftsfelder und Ertragsquellen besonders lebenswichtig sind“, erzählt Usner. Gleichzeitig musste er schnell viel fachliches Know-how ansammeln: Ein paar Monate vorher war er noch für internationale Projekte in der Deutschen Bank zuständig gewesen. Jetzt musste er sich in Sachen Kunststofftechnik weiterbilden und praktisches Wissen über Materialeigenschaften und Verarbeitungsmethoden erlernen.

Transparenz nach allen Seiten ist in solchen Zeiten das Gebot der Stunde: „Du musst schnell und viel lernen – aber du musst ebenso schnell rein ins operative Geschäft. Da gibt es dann bald Situationen, in denen du auch Kunden oder Lieferanten gegenüber sagen solltest, dass du manche Dinge noch nicht weißt. Ich habe mit offener Kommunikation immer gute Erfahrungen gemacht.“

Einen Plan B gab es damals für Usner nicht: Die Übernahme musste funktionieren. „Auch wenn man es sich nicht wünscht, aus dem Stand heraus in meine Situation zu kommen: Die Übergabe ist nun eineinhalb Jahre her und das Geschäft läuft. Alle Mitarbeiter sind noch an Bord und wir haben eine weitere Stelle aufgebaut. Ich bin auf allen Ebenen engagiert, habe zudem eine starke rechte Hand im Unternehmen – jemanden, der im Notfall auch Entscheidungen treffen könnte.“

Notfallplan – die wichtigsten Elemente
Usner meint allerdings auch selbstkritisch, noch nicht genug für eine Nachfolge- oder Notfallregelung vorgesorgt zu haben. Seine Empfehlungen: „Erstens ist es grundsätzlich nie zu früh für einen Notfallplan. Und zweitens muss es nicht gleich ein kompletter Übergabeplan sein, aber es sollte klar sein, wer welche Entscheidungen treffen kann.

Die wichtigsten Elemente eines Notfallplans sind eine Stellvertretungsregelung, ein Testament – und ein simpler Notfallakt, der wichtige Passwörter, Zugangsdaten, Kontakte und To Do‘s enthält. Damit verschafft man sich Handlungsspielraum für die ersten Wochen und kann in der Folge konzentrierter an den wichtigen Punkten arbeiten.

Knapp ist die Zeit bei unvorhergesehenen Übernahmen wohl trotzdem immer: „Ein bis fünf Jahre sind durchaus ein Zeitraum, den man sich für eine ordentliche Übergabe vornehmen kann“, sagt Clemens Usner. „Zwanzig Jahre sollte das auf der anderen Seite aber auch nicht dauern – die Fälle, in denen zwei Chefgenerationen lange nebeneinander am Ruder waren sind ja oft auch nicht gut ausgegangen.“  

Bildnachweis Clemens Usner: Industriellenvereinigung Salzburg

ff LOGO Team ff 32pt2

Diese Website nutzt Cookies. Dies verbessert die Leistung der Website und ist im Sinne des Users. Wenn sie dem Einsatz von Cookies nicht zustimmen, können Sie sie deaktivieren.