Publikationen Newsletter Registrieren Anmelden

Family Governance wirkt

Der Begriff „Family Governance“ hat unter den österreichischen Familienunternehmen in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, dennoch muss das Bewusstsein dafür weiter gesteigert werden.

Landläufig versteht man unter Family Governance die Entwicklung einer Strategie und ein darauf aufbauendes Management der Unternehmerfamilie mit Leitungsgremien und -strukturen. Meist werden für diese Zwecke regelmäßige Familientreffen abgehalten, im Rahmen derer wichtige Entwicklungen im Unternehmen und in der Familie diskutiert werden. Das Ergebnis kann eine Familienverfassung (Familienkodex) als eine Art normatives Übereinkommen bzgl. wichtiger Grundregeln und Werte der Unternehmerfamilie und/oder die Errichtung eines Beirats (eine ausgewählte Gruppe von Familienmitgliedern und manchmal auch externen Mitgliedern, welche mit wichtigen familien- und unternehmensstrategischen Belangen beauftragt ist) sein. Auch Stiftungen können zur langfristigen Absicherung des Familienvermögens ins Leben gerufen und Notfallpläne für unvorhergesehene Ereignisse wie Tod oder Geschäftsunfähigkeit von leitenden Familienmitgliedern entwickelt werden. So gesehen ist eine Family Governance Teil der verantwortungsvollen Führung des Familienunternehmens – der Family Business Governance. Da es sich aber bei einer Family Governance immer um freiwillig gesetzte Maßnahmen der Unternehmerfamilie handelt, variieren ihre Beschaffenheit und Komplexität in Abhängigkeit von der Unternehmerfamilie.

Worin liegt der Mehrwert?

Die Entwicklung einer umfassenden Family Governance ist jedoch auch mit Kosten verbunden, wodurch sich die Frage nach dem Mehrwert stellt. Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien belegen die unterschiedlichen positiven Effekte von Family Governance. Zumal die Überlebensfähigkeit des Familienunternehmens zu einem wesentlichen Teil von der Unternehmerfamilie selbst abhängt – insbesondere davon, wie sie es schafft den familiären Zusammenhalt zu sichern und die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit im Unternehmen dauerhaft zu erhalten – kommt der Family Governance spezielle Bedeutung zu. Das Forschungsinstitut für Familienunternehmen an der WU Wirtschaftsuniversität Wien beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Thema Family Governance und hat dazu unter anderem das Buch „Zukunftssicherung für Familienunternehmen. Good Practice Fallanalysen zur Family Governance“ (herausgegeben von Prof. Manfred Lueger und Prof. Hermann Frank, 2015 erschienen bei Facultas) publiziert. Darin wird anhand von sieben Fallstudien ein breites Spektrum an Family Governance Maßnahmen behandelt, deren Entwicklungsprozess beleuchtet sowie deren Wirkungen auf Familie und Unternehmen reflektiert. Zudem wurde das Thema Family Governance in der Dissertation mit dem Titel „Family governance: Organizing the business family for family business continuity“ (Dr. Julia Süss-Reyes, 2016) umfassend behandelt. Beide Publikationen geben Aufschluss über den Mehrwert von Family Governance. Zusammengefasst hat dieser sowohl eine emotionale als auch ökonomische Dimension.


Er ist vor allem in folgenden fünf Bereichen spürbar:

1. Stärkung einer generationenübergreifenden Sichtweise

2. Frühzeitige Konfliktprävention bzw. -bearbeitung

3. Schaffung gemeinsamer Wertvorstellungen in der Unternehmerfamilie

4. Signal von Professionalität an Stakeholder 5. Balance zwischen Familienzusammenhalt und Unternehmenserfolg

1. Stärkung einer generationenübergreifenden Sichtweise
Die erfolgreiche Weitergabe des Unternehmens über mehrere Familiengenerationen hinweg stellt für viele Familienunternehmen eine besondere Herausforderung dar. Die frühzeitige Stärkung einer generationenübergreifenden Sichtweise in der Unternehmerfamilie im Sinne einer gemeinsamen Zukunftsvision für das Unternehmen kann dabei helfen, die Übergabe zu erleichtern. Family Governance Maßnahmen erfüllen im Hinblick darauf verschiedene Funktionen: Durch regelmäßige Familientreffen kann der Familienzusammenhalt gestärkt werden und Familienmitglieder, die kein allzu großes Naheverhältnis zum Unternehmen haben, können in Unternehmensbelange eingebunden werden. Beiräte als formaleres Gremium helfen die Unternehmensentwicklung zu stabilisieren, häufig durch familienexterne Unterstützung. Familienverfassungen tragen dazu bei, unterschiedliche Familieninteressen zu homogenisieren und eine gemeinsame strategische Grundorientierung in der Unternehmerfamilie zu finden. Familienstiftungen als komplexere Konstrukte haben zum Zweck, das Gesamtunternehmen auf lange Sicht für die Familie zu erhalten. Family Governance fördert somit auf unterschiedliche Weise die nachhaltige Entwicklung des Familienunternehmens. Vor allem hilft sie dabei die Grundfrage zu klären, ob und in welcher Form sich die Familie langfristig zum Unternehmen bekennt. Entscheidet sich diese für die langfristige Kontinuität des Familienunternehmens, so gilt dies gleichzeitig auch als eine Erklärung dafür, dass die Unternehmerfamilie bereit ist, Opfer für die Erreichung dieses Zieles auf sich zu nehmen.

2. Frühzeitige Konfliktprävention bzw. -bearbeitung
Durch die kontinuierliche Präsenz zweier meist unterschiedlicher Logiken („Spielregeln“) – die Familien- und Unternehmenslogik – gehören Konflikte gewissermaßen zum Alltag in Familienunternehmen. Gleichzeitig besteht auch die Gefahr, dass Konflikte destruktiv werden und eine besonders intensive Dynamik entfalten. Konflikte in der Unternehmerfamilie bilden oft den Ausgangspunkt für die Entwicklung von Family Governance Maßnahmen. Wenn die Unternehmerfamilie sich nicht mehr im Stande sieht, Konflikte selbstständig zu lösen, so wird Hilfe von außen (z.B. in Form einer Beratung oder Mediation) gesucht. Allerdings erschwert das auch die Ausgangsbedingungen für eine von allen akzeptierte Lösung. Ist die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit der Unternehmerfamilie aufgrund von Konflikten bereits eingeschränkt, so fällt es umso schwerer, als Unternehmerfamilie noch an gemeinsamen Strategien zu arbeiten. In diesem Fall kommt der Konfliktbearbeitung Priorität zu – noch vor der Entwicklung von Family Governance Maßnahmen. Wird nämlich trotz verfestigter Familienkonflikte ein Family Governance Regelwerk erstellt, so kann dies dazu führen, dass Anlässe dazu genutzt werden, um den Konflikt wieder neu zu befeuern. Empfehlenswert ist es daher, ein Family Governance Regelwerk zu entwickeln, bevor etwaige Konflikte vorliegen. Durch die Klärung der gemeinsamen Erwartungshaltung in Bezug auf wichtige Grundfragen wie „Welche Bedingungen gelten für den Eigentumserwerb bzw. die Eigentumsveräußerung durch Familienmitglieder?“ oder „Welche Aufnahmebedingungen gelten für neue Familienmitglieder im Familienunternehmen?“ kann Family Governance eine vertrauensbildende Wirkung entfalten. Das schafft Erwartungssicherung und reduziert das Konfliktpotential.

3. Schaffung gemeinsamer Wertvorstellungen in der Unternehmerfamilie Werte stiften Identität.
Ein starkes Wir-Gefühl in der Unternehmerfamilie bildet nicht nur eine Entscheidungshilfe, sondern verleiht auch dem gemeinsamen unternehmerischen Agieren Kontinuität. Gibt es in der Unternehmerfamilie einen gelebten gemeinsamen Wertekanon in Bezug darauf, wie man miteinander umgehen will und wie man die zukünftige Unternehmensentwicklung gestalten will, so trägt das dazu bei, die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit im Familienunternehmen langfristig zu erhalten. Unternehmerfamilien, die das erkannt haben, entscheiden sich häufig dazu, die gemeinsamen Werte in Form einer Familienverfassung zu verschriftlichen, um ihnen so ein höheres Maß an Verbindlichkeit zu verleihen. In regelmäßigen Familientreffen kann dieser Wertekodex dann von Zeit zu Zeit in Erinnerung gerufen werden, was vor allem auch für die heranwachsende nächste Generation von Bedeutung ist. So kann gefördert werden, dass die Unternehmerfamilie geeint auftritt und potentiell gegenläufige Individualinteressen von Familienmitgliedern in den Hintergrund rücken. Gleichzeitig soll aber auch vermieden werden, dass sich die Unternehmerfamilie gegenüber alternativen Vorstellungen abschottet.

4. Signal von Professionalität an Stakeholder
Family Governance fördert ein professionelles Auftreten der Unternehmerfamilie. Sie kann beispielsweise vermitteln, dass nicht Verwandtschaft zentral ist, sondern für die Mitwirkung im Unternehmen auch Kompetenzprofile erfüllt werden müssen. Sie verteilt Einflussbereiche nach klaren Regeln und bringt eine Linie in das unternehmerische Handeln. Damit hat Family Governance auch eine symbolische Bedeutung. Sie kommuniziert, dass bestimmte Richtlinien auch im Extrem-, Not- oder Konfliktfall gelten, womit Blockadesituationen vermieden werden. Notfallpläne, Familienverfassungen, Entwicklungsstrategien und dergleichen signalisieren Professionalität an unternehmensinterne und -externe Anspruchsgruppen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Eigentum und Risikovorsorge haben für die Unternehmerfamilie Priorität. Das kann das langfristige Engagement von (hoch qualifizierten) Mitarbeiter/innen fördern, aber auch bei Lieferanten oder Geldgebern Eindruck machen und so beispielsweise vorteilhafte Kreditkonditionen bringen. In dieser Hinsicht bringt Family Governance auch einen ökonomischen Vorteil. Allerdings kann in der Praxis beobachtet werden, dass Unternehmerfamilien ihre Family Governance oftmals nicht nach außen kommunizieren. Gerade für die Realisierung derartiger Vorteile kann dies aber empfehlenswert sein.

5. Balance zwischen Familienzusammenhalt und Unternehmenserfolg
Die Nachfolgebereitschaft der nächsten Familiengeneration hängt maßgeblich vom wahrgenommenen Erfolg bzw. den Erfolgsperspektiven des Familienunternehmens ab. Family Governance Maßnahmen schaffen Identifikationsmöglichkeiten für Familienmitglieder, indem die familiären Beziehungen, z.B. im Rahmen von regelmäßigen Familientreffen, gepflegt werden und unternehmerische Erfolge gemeinsam gefeiert werden. Durch einen Beirat können aber auch Entscheidungsstrukturen in der Unternehmerfamilie verbessert werden. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten kann die Unterstützung und Beratung durch einen Beirat, der auch familienexterne Expertise integriert, von großem Nutzen sein. Durch eine Familienstiftung kann darüber hinaus das Familienvermögen zusammengehalten und langfristig abgesichert werden. Family Governance Maßnahmen sorgen damit im Idealfall für die Stärkung des Familienzusammenhaltes und tragen zum Unternehmenserfolg bei.

Eine von allen Familienmitgliedern mitgetragene, gut funktionierende Family Governance kann also eine Erfolgsformel für Familienunternehmen darstellen. Zugleich gilt es aber zu bedenken, dass Unternehmerfamilien auf ihre ganz individuelle Art den Erfolg des Familienunternehmens ermöglichen, aber auch verunmöglichen können. Family Governance Lösungen sollten in diesem Sinne immer auf die spezifischen Eigenheiten der Unternehmerfamilie sowie des Familienunternehmens zugeschnitten sein. Entscheidend ist nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Entwicklungsprozess einer Family Governance selbst. Ein externer neutraler und unabhängiger Experte, der diesen Prozess gestaltet, trägt wesentlich zur Akzeptanz bei, die eine grundlegende Voraussetzung für die angeführten Erfolgswirkungen bildet.

Julia Suess
Dr. Julia Süss-Reyes

Dr. Julia Süss-Reyes ist Senior Researcher am Forschungsinstitut für Familienunternehmen an der WU Wirtschaftsuniversität Wien.

Diese Website nutzt Cookies. Dies verbessert die Leistung der Website und ist im Sinne des Users. Wenn sie dem Einsatz von Cookies nicht zustimmen, können Sie sie deaktivieren.